Manche Menschen formen ihr Leben, als wäre es Knetmasse, weich und nachgiebig, flexibel und dehnbar, ziehen es mal hierhin, dann dorthin, geben dem Gebilde immer wieder eine neue Gestalt, glätten unebene Stellen und bügeln Fehler aus. Sie jedoch sitzt da, mit einem schweren Steinbrocken in ihren Händen, die schroffe Oberfläche reibt an ihren Fingerkuppen, die scharfen Kanten schneiden in ihr Fleisch.
Wenn sie sich ihre Hand mit dem Stein vor Augen hält, kann sie das tun, wozu auch eine Kamera in der Lage ist – sie fokussiert zunächst auf ihre Hand und dann auf die Landschaft im Hintergrund. Beides zusammen lässt sich nicht scharf stellen, sie sieht entweder die Hand klar und deutlich oder aber die Hecken, Häuser und Hügel in der Ferne. Ihr Körper und ihre Umwelt sind getrennt voneinander, existieren in verschiedenen Ebenen. Sie geht davon aus, dass dies bei allen Menschen so ist. Dennoch glaubt sie, dass es allen Menschen anders ergeht als ihr. Dass nur sie von dieser Divergenz bis ins Mark erschüttert wird.
Sie erinnert sich an einen Besuch im Zoo, an das Affenhaus und daran, wie die Tiere durch dicke Glasscheiben von den Menschen getrennt waren. Man konnte eine Hand an die Scheibe legen, und wenn man sehr viel Glück hatte, kam ein Affe heran und legte seinerseits seine Pranke an das Glas. So entstand die Illusion einer Berührung, eine Art von Nähe vielleicht. Dennoch war alles, was man berührte, eine kalte Glasscheibe, leblos und unnachgiebig. Diese Glasscheibe existiert nicht nur im Zoo. Sie ist immer da, wohin sie auch geht, umgibt sie in jedem Moment, ragt auf allen Seiten in die Höhe, lässt sich nicht überwinden.
Hin und wieder wiegt sie den Stein in ihrer Hand, lässt ihn in die andere Hand gleiten, dann wieder zurück, drückt die Finger gegen das harte Material. Schließlich holt sie aus und schleudert den Stein mit voller Wucht gegen die Scheibe. Eigentlich müsste das Glas bersten, müsste klirrend und krachend in Abertausende von kleinen Teilen zerspringen, doch das geschieht nicht. Der Stein prallt lediglich von der Scheibe ab und fällt plump zu Boden und macht dabei kaum ein Geräusch.
Sie hebt den Stein wieder auf, dreht ihn vor ihren Augen hin und her, streichelt die kühle Oberfläche. Wenn sie den Stein gegen ihren Kopf presst, spürt sie eine Verbindung, spürt die mineralische Kälte, spürt die Härte des Konstrukts, das gegen ihre Schädelknochen drückt. Je mehr sie den Druck erhöht, desto intensiver fühlt sie die Kälte und Härte. Da ist nichts Weiches, nichts Nachgiebiges. Aber es ist da.
