Jemand hat einmal gesagt, dass alles im Leben einen Sinn ergebe, aber jemand hat gelogen.
Jemand lügt ziemlich oft, doch jemand will vielleicht gar nicht lügen, jemand will womöglich trösten, jemand meint es gut, aber selbst die beste Lüge ist kein guter Trost.
Jemand stirbt an einem Sonntag und jemand anders kommt an einem Montag zur Welt, es ist die schlimmste Woche und die schönste Woche, es hängt davon ab, woher jemand auf die Tage schaut.
Jemand weint, und jemand anders sagt «Jetzt wein doch nicht», und jemand weint dennoch, denn ohne Weinen ist alles noch viel schlimmer.
Jemand liebt jemanden, aber dieser Jemand liebt jemanden nicht, und nun hat jemand Liebe übrig, hat Liebe zu geben, doch weil die Liebe nicht empfangen wird, verkümmert sie.
Jemand fragt, was Liebe überhaupt sei, und jemand anders antwortet, dass man Liebe nicht erklären könne, nur fühlen, doch wieder jemand anders sagt, dass man Liebe als starkes Gefühl des Hingezogenseins definieren könne, als starke, im Gefühl begründete Zuneigung zu einem Menschen, oder auch als eine auf starker körperlicher, geistiger, seelischer Anziehung beruhende Bindung an einen bestimmten Menschen, verbunden mit dem Wunsch nach Zusammensein, doch jemand kann mit diesen Definitionen nicht viel anfangen, weil Definitionen nur Theorie sind.
Jemand glaubt an Gott und jemand anders glaubt an Allah und jemand anders glaubt an Astrologie und jemand anders glaubt an Geister und jemand anders glaubt an gar nichts, doch niemand weiß etwas, alle glauben nur, etwas zu wissen, und das ist ein großer Unterschied.
Jemand hält einen Revolver in der Hand und fragt sich, ob jemand sich selbst oder möglichst viele andere Menschen damit erschießen soll, und jemand stellt sich vor, wie eine Kugel die Haut von jemandem durchdringt und das Fleisch und vielleicht einen Knochen, und jemand spürt das kalte Metall der Waffe unter den Fingern, streichelt die Trommel, den Lauf, und jemand zuckt mit den Schultern und legt den Revolver wieder in das Versteck, das sonst niemand kennt.
Jemand schwimmt in einem See und taucht hinab und denkt dabei, wie es wäre, einfach dort unten zu bleiben, für immer, unterzutauchen und nie wieder aufzutauchen, doch dann ringt jemand nach Luft, jemand spürt einen Druck in der Brust, einen Schmerz sogar, und plötzlich will jemand nur noch nach oben, so schnell wie möglich.
Jemand schließt die Tür hinter sich, jemand ist endlich allein und kann tun, was jemand will, doch dann lauscht jemand der Stille und wartet ab, ob irgendetwas geschieht, und weil nichts geschieht, weiß jemand nicht, was jemand jetzt machen soll.
Jemand sagt, bis hierhin und nicht weiter, und jemand sagt, irgendwann müsse Schluss sein, und jemand sagt, jetzt sei genug, und jemand sagt, dass es so nicht mehr weitergehe, und dann fragt sich jemand, wie es denn weitergehen soll, wenn nicht so, und jemand weiß keine Antwort, und jemand zuckt mit den Schultern, und irgendwann bekommt jemand einen Krampf vom vielen Schulterzucken.
Jemand betrachtet eine Narbe auf der Haut, und jemand denkt, dass die Narbe einst eine Wunde war, und dass die Haut vor der Wunde noch heil war, und jemand wundert sich, dass die Stelle mit der Narbe so viel wichtiger scheint als all die anderen Stellen der Haut, die ohne Narben sind.
Jemand lässt los und fragt sich, woran sich jemand nun halten soll.
Jemand betrachtet das Wort Jemand auf Papier, schaut es lange an, zunächst das ganze Wort, dann jeden einzelnen Buchstaben für sich, jemand starrt auf dieses Jemand, und während jemand dieses Jemand betrachtet, beginnt das Jemand sich zu verändern, die Form bleibt sich gleich, aber der Inhalt löst sich allmählich auf, und je länger jemand dieses Jemand betrachtet, desto weniger weiß jemand, was dieses Jemand bedeutet, bis das Jemand zu einem Fremdwort wird, einem unerklärlichen Begriff, der für etwas steht, von dem jemand nicht weiß, was es eigentlich ist.
Jemand kann keinen klaren Gedanken fassen, im Kopf ist ein wildes Schwirren und Getöse, ein Chaos sondergleichen, ein Tohuwabohu, und jemand mag das Wort Tohuwabohu, aber das Schwirren und Getöse bereitet jemandem Bauchschmerzen und auch Herzschmerzen, und Kopfschmerzen sowieso, und jemand versucht, die Gedanken niederzuschreiben, in der Hoffnung, dass sie sich auf diese Weise ordnen oder zumindest einordnen lassen, doch es funktioniert nicht, und jemand schaut auf die geschriebenen Worte und zuckt ein weiteres Mal mit den Schultern und greift nach einer Packung Kopfwehtabletten.
Jemand hat einmal gesagt, dass alles im Leben einen Sinn ergebe, aber jemand hat gelogen.

Offensichtlich bin ich kein oder keine „Jemand“, denn für mich ergeben wenige Sachen im Leben einen wirklichen Sinn. Also würde ich das auch nicht sagen.
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Oh, ich will aber nicht „Anonymous“ sein, ich bin Clara Himmelhoch.
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Also bist du doch jemand! Lieben Dank dir fürs Lesen und für deine Worte!
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Da staunt gerade jemand😉
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Da freut sich jemand und bedankt sich herzlich.
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Ich kann Ludwig nur rechtgeben.
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Und ich freue mich sehr darüber, dass ihr euch einig seid. Vielen Dank!
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Gerne lieber Disputnik
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Stark gedacht und klug geschrieben. Fein, lieber Disputnik! 💐
Hab einen schönen Tag und ein schönes Wochenende. LG vom Finbar
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Vielen herzlichen Dank dir, lieber Finbar! Ich wünsch dir ebenfalls ein schönes Wochenende. Und liebe Grüsse zurück…
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