Du kennst die Straßen, kennst jede Kreuzung, jede Biegung, jede Steigung. Du bist dort, wo du schon früher warst, gehst jene Wege, die du schon immer gegangen bist, begegnest Formen und Farben, die seit Anbeginn unverändert sind. Dennoch fehlt dir jede Orientierung, du weißt nicht, wo du stehst und wohin es dich treibt. Dein Kompass ist dir nicht mehr von Nutzen, also wirfst du ihn in den dunklen See hinter den Dingen.
Du siehst die Risse im Asphalt, die Lücken in den Mauern, den abblätternden Putz an den Wänden, die morschen Stellen im Holz. Wie brüchig die Welt ist, wie fragil das Konstrukt. Du fragst dich, ob alles gebaut ist, um zu vergehen.
Deine Augen zerfließen häufiger als sonst. Das ganze Bild verschwimmt, wird unscharf, die Konturen lösen sich auf. In diesen Momenten bist du zugleich nirgendwo und ganz bei dir, bist außerhalb von Zeit und Raum. Wenn du dir dann mit dem Handrücken über die Augenwinkel wischst, beginnt die Uhr wieder zu ticken, die Bilder setzen sich wieder zusammen. Doch die Klarheit fehlt weiterhin.
Beim Gehen spürst du manchmal deine Glieder nicht mehr. Du schaust nach unten, siehst deine Schuhe zwischen den Rissen im Asphalt und wunderst dich, ob es tatsächlich deine Füße sind, die in diesen Schuhen stecken. Es kommt dir vor, als würde ein Fremder deine Wege gehen, Schritt um Schritt. Vielleicht kennst du deshalb die Richtung nicht.
Ein Auto hupt dich an, du warst unaufmerksam. Du entschuldigst dich, ohne zu wissen, bei wem oder wofür. Dann kommst du dir dumm vor. Und dann merkst du, dass du dir schon zuvor dumm vorgekommen bist.
Du kommst an einer Baustelle vorbei. Ein Mann reißt mit schwerem Gerät den alten Asphalt auf, teilt die Fläche in einzelne Stücke, löst grobe Brocken aus dem Gefüge. Du rufst ihm zu und fragst ihn, was er da macht. Doch er trägt einen Gehörschutz und bemerkt dich nicht einmal. Du schaust ihm noch einige Augenblicke zu und wendest dich dann ab. Wieder zerfließen deine Augen.
Später taucht eine kleine Kapelle vor dir auf, beim Näherkommen schließlich eine Tafel, auf der ein Situationsplan des Friedhofs zu sehen ist. Daneben hat jemand einen Satz an die Friedhofsmauer gesprayt. «Das Leben geht weiter.» Wie dumm dieser Satz ist. Wie klug dieser Satz ist. Wie verwirrend das Ganze.
Während du weitergehst, treffen deine Augen auf weitere Risse im Asphalt. Jede Straße scheint verwundet, jeder kleine Pfad trägt Narben. Du erinnerst dich an die Sendung Löwenzahn, die du als Kind gerne gesehen hast. Auftakt jeder Episode war ein kurzer Zeichentrickfilm, in welchem sich ein Riss in einer asphaltierten Straße bildete, aus dem eine Löwenzahnpflanze emporwuchs. Das sah damals so schön aus und sieht auch in deiner Erinnerung schön aus. Trotzdem bist du nicht sicher, ob es ein Trost sein soll. Ob es Hoffnung oder nur ein Schulterzucken in sich trägt. Ob Löwenzahn nun eine Heilpflanze ist. Oder lediglich Unkraut.
