Noch steht es da. Da auf dem Hügel. Während die Zeit an ihm zerrt.
Einst war es schön, das Haus. Es war stolz. Es war voller Charakter, voller Leben. Es war beeindruckend. Es war lebendig, das Haus. Es war nicht neu, nicht modern, aber zeitgemäß. Es war gegenwärtig, das Haus. Jetzt ist es nur noch alt. Ein altes Haus.
Die Farbe blättert ab, einige Schindeln sind abgefallen, andere hängen krumm, an vielen Stellen zeigen sich dunkle Flecken, Altersflecken, Zeichen der Zeit. Da und dort wuchern schmucklose Pflanzen die Fassade empor, doch viele Zweige und Blätter sind längst braun und verkümmert, sind abgestorben; sogar aus dem Unkraut ist das Leben entwichen. Die Fenster schauen mit leeren Blicken in die Welt, Traurigkeit hockt auf den Fensterbrettern, manchmal gesäumt von Spinnweben. Das Dach sieht seltsam geduckt aus, als würde ein schweres Gewicht auf ihm lasten. Manche Ziegel haben sich gelöst und schwarze Lücken hinterlassen.
Niemand sagt mehr: «Hey, altes Haus.» Niemand fragt mehr: «Wie geht’s, altes Haus?» Man nannte das alte Haus «altes Haus», als es noch gar kein altes Haus war, und jetzt, da es ein altes Haus ist, ist niemand da, der es beim Namen nennen könnte. Hin und wieder kommt jemand vorbei und redet mit dem alten Haus, aber das alte Haus hat nichts mehr zu erzählen, darum bleibt niemand für längere Zeit stehen. Alle gehen weiter, gehen ihrer Wege, lassen das alte Haus allein.
Die Fenster sind nicht von Fensterläden versperrt, dennoch sieht man kaum hinein in das alte Haus. Nur ein paar Blicke lassen etwas erkennen, fangen einige Flächen und Konturen ein, die aber vor allem von Leere und Tristesse erzählen. Es wirkt, als wäre jener, der im alten Haus wohnte, ausgezogen oder geflüchtet, wäre desertiert und hätte nur einen Geist zurückgelassen; nicht einmal seinen eigenen Geist, sondern irgendeinen Geist, ein Gespenst, das nun bisweilen sein Unwesen treibt und durch die Räume spukt. Meistens jedoch kauert das Gespenst still in einer Ecke und stimmt in das allgegenwärtige Schweigen ein.
Bisweilen hört man ein Knarren im Gebälk, ein Knacken in den Wänden, manchmal rieselt Holzstaub hinab. Das alte Haus atmet schwer, hin und wieder hustet es, oder es röchelt, vor allem in den Nächten, die stetig länger werden. Ein unangenehmer Geruch breitet sich aus, kriecht in jeden Raum, durchdringt die Poren. Der Geruch ist überall, und würde man ihn einatmen, würden wohl Tränen in die Augen steigen.
Wenn der Wind weht, zittert das alte Haus, die Wände beben. Jeder Windstoß ist eine Gefahr, jeder Windstoß ist ein Angriff. Das alte Haus hält es aus, es stellt sich dem Wind entgegen, weil es nichts anderes zu tun weiß. Doch irgendwann wird der Windstoß kommen, dem das alte Haus nicht mehr widerstehen kann. Irgendwann werden die Balken das Gewicht nicht mehr tragen können. Irgendwann werden die Bretterwände dem Druck nicht mehr standhalten können. Und dieses Irgendwann, so scheint es, kommt näher und näher. Aber noch steht es, das Haus.
Noch steht es da. Da auf dem Hügel. Während die Zeit an ihm zerrt.
