Am Ende eines langen Tages liegt sie da, oder nein, es liegt da, was von ihr übrig ist, und man ist erschüttert, wie das, was von ihr bleibt, zugleich so unerträglich wenig und so unbeschreiblich viel ist, nahezu nichts und absolut alles, nur Haut und Knochen, aber auch eine ganze Welt, ein komplettes Leben, und draußen müsste es doch regnen, der Himmel müsste doch weinen, man selbst weint ja schließlich auch, doch das Wetter ist unauffällig, neutral, gerade so, als würde es mit den Schultern zucken, und man wartet, dass auch sie mit den Schultern zuckt, wie sie so oft getan hat, doch die Schultern bleiben still, alles an ihr bleibt still, und man legt seine Hand auf ihre Stirn, dann an ihre Wange, dann auf ihren Arm, dann wieder auf ihre Stirn, und überall, wo die Hand zu liegen kommt, ist sie fehl am Platz und gleichzeitig genau dort, wo sie hingehört, und man betrachtet die Haut, die Flecken, die Furchen, die Poren, nichts davon wirkt echt, nichts wirkt lebendig, weil nichts davon mehr lebendig ist, doch wenn man die Augen schließt, kehrt schon nach wenigen Sekunden alles wieder zurück, wenn man die Augen schließt, ist sie noch da, der gesamte lange Tag breitet sich aus, Momente leuchten auf wie Signalfeuer, tausend Bilder tauchen auf und lassen die Mundwinkel zucken, man sieht sie lachen, dann wiederum weinen, man sieht sie stolz, dann wiederum ängstlich, man sieht sie ernsthaft, dann wiederum schelmisch, man sieht sie auf dem Sofa, dann wiederum auf dem Steg am See, man sieht sie so, wie sie war und bleiben wird, und man taumelt zwischen den Polen, zur einen Seite die Schwere und Traurigkeit, zur anderen Seite die Erleichterung und Dankbarkeit, und wenn man die Augen dann wieder öffnet, liegt sie da, oder nein, es liegt da, was am Ende eines langen Tages von ihr übrig ist, und man ist erschüttert, wie das, was von ihr bleibt, zugleich so unerträglich wenig und so unbeschreiblich viel ist, nahezu nichts und absolut alles.

Puh, da kam grad viel hoch. So präzise hast Du beschrieben, was am Ende des langen Tages von ihr übrig blieb. Alles und nichts zu gleicher Zeit in einem inneren Widerstreit. Am schwersten war Weggehen, dieser Schwall Restlicht vor der Echonacht, wie die Erinnerung an ein Glimmen.
Herzlichen Lesedank sagt
Amélie
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Vielen lieben Dank dir! Schön ist, wenn sich im Nachhall der Echonacht mehr als ein Glimmen zeigt; ein Leuchten, hell und warm…
Herzliche Grüsse und nochmals lieben Dank…
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Beeindruckend, lieber Disputnik, wundervoll geschrieben 💐
Herzliche Grüße vom Finbar
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Von Herzen vielen Dank, lieber Finbar!
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