Irgendwo in einem Hinterzimmer in ihrem Kopf springt ein Hund an ihr hoch, und der Hund hat schmutzige Pfoten, schrecklich schmutzige Pfoten, und die schmutzigen Pfoten lassen Spuren auf ihrem hellen Kleid zurück, und sie denkt, na toll, jetzt ist mein Kleid schmutzig, wie sieht das denn aus, und das alles nur wegen diesem dummen Hund, einem Hund, den sie weder eingeladen hat noch leiden mag, der einfach aufgetaucht ist, wie so oft, und sie sagt Pfui! und Geh weg! und lässt Zischlaute entweichen, doch es nützt alles nichts, der Hund bleibt im Hinterzimmer in ihrem Kopf und springt an ihr hoch, und das Kleid ist schmutzig, und sie wischt über den Stoff, doch der Schmutz geht nicht weg.
Irgendwo in einem Hinterzimmer in ihrem Kopf hängt ein Bilderrahmen an der Wand, doch er hängt nicht so, wie Bilderrahmen hängen sollten, sondern schief, der Bilderrahmen hängt schrecklich schief, und nicht nur das; auch das Bild, das im Rahmen hängt, hängt schief im Rahmen, ein schiefes Bild in einem schiefen Rahmen; und nicht nur das, auch die Szene, die das Bild zeigt, steht schief im Bild, eine schiefe Szene in einem schiefen Bild in einem schiefen Rahmen; und nicht nur das, auch sie selbst, die in der Szene zu sehen ist, steht schief in der Szene, sie steht schief in einer schiefen Szene in einem schiefen Bild in einem schiefen Rahmen, und sie fragt sich, wann alles anfing schiefzulaufen.
Irgendwo in einem Hinterzimmer in ihrem Kopf hört sie von jedem Geräusch der Welt nur das Echo, von jedem Klang nur den Nachhall, und so gerne würde sie Worte in jenem Moment vernehmen, in dem sie gesprochen werden, doch in ihr Bewusstsein dringt nur das, was vom Gesprochenen übrigbleibt, akustische Fetzen, die langsam ins Nichts zerfasern, und sie will doch den Vögeln beim Zwitschern lauschen, den Mädchen beim Kichern, den Bächen beim Plätschern, dem Donner beim Grollen, dem Wind beim Heulen, sogar den Hunden beim Bellen, obwohl sie Hunde nicht mag, aber alles, was im Hinterzimmer in ihrem Kopf an ihr Ohr dringt, ist der Nachklang der Dinge, akustische Erinnerungen an Momente, die sie nicht erlebt hat.
Irgendwo in einem Hinterzimmer in ihrem Kopf steht ein Bett, ein riesiges Bett, unendlich breit und unendlich lang, und in diesem unendlich breiten und unendlich langen Bett liegen ihre Lieben, nackt und heil und schön, all die Liebhaberinnen und Liebhaber, die sie irgendwann lieb hatte, und sie alle sehen so aus, wie sie damals ausgesehen haben, sie alle sind konserviert im Vergangenen, und wie sie sich dem riesigen Bett nähert, spürt sie, wie sich ein Widerstand auftut vor ihr, gerade so, als würde sich die Luft verdichten, bis sie nicht mehr zu durchdringen ist, und nur mit Mühe gelangt sie bis zum Bettrand, aber keinen Zentimeter weiter, und dann steht sie da, vor dem unendlich breiten und unendlich langen Bett, in dem ihre Lieben liegen, nackt und heil und schön, doch sie kann keine von ihnen berühren, kann keine von ihnen erreichen, und manchmal grinst eine verächtlich, manchmal schaut eine andere verstohlen zu ihr hin, doch die Distanz bleibt, die Distanz zu den Lieben, die unsichtbare Mauer.
Irgendwo in einem Hinterzimmer in ihrem Kopf geht ein gesichtsloser Mann hin und her, geht von einer Ecke zur anderen und wieder zurück, und dabei murmelt er Worte, die sie nicht verstehen kann, rudert manchmal mit den Armen oder ballt seine Fäuste, und sie sieht zu, wie der gesichtslose Mann im Hinterzimmer hin und her geht, und sie spürt, wie sehr ihr seine Anwesenheit widerstrebt, sie sagt Geh weg! und Pfui! und lässt Zischlaute entweichen, doch es nützt alles nichts, der gesichtslose Mann bleibt einfach da, und sie beginnt zu brüllen, Hau ab!, ruft sie ihm entgegen, ich habe dich nicht eingeladen, niemand hat dich eingeladen, ich will dich hier nicht haben, deine Frisur ist eine Katastrophe und du stinkst, und immerhin hast du einen guten Musikgeschmack, aber das ist ein schlechter Trost, es ist überhaupt kein Trost, na los, geh endlich!, und sie gestikuliert mit den Händen, doch er lässt sich davon nicht beirren, und irgendwann tun ihr die Hände vom Gestikulieren weh, also hört sie damit auf und benutzt die Hände, um die Tränen von ihren Wangen zu wischen.
Irgendwo in einem Hinterzimmer in ihrem Kopf steht ein Tisch, und auf dem Tisch liegt ein Herz, ihr Herz, und sie schaut zu, wie es pocht und pulsiert, rhythmisch, regelmäßig, wie ein Herz eben pochen und pulsieren sollte, und zunächst ist sie angeekelt, der dunkelrote Klumpen widert sie an, aber nach einiger Zeit geht sie näher an das irritierende Objekt heran, betrachtet es genauer, wagt sogar, es zu berühren, zunächst nur zaghaft, dann immer sicherer und fester, und schließlich nimmt sie ihr Herz in die Hände, drückt es zusammen, spürt sein Pochen und Pulsieren unter ihren Fingern, und einen Moment lang, nur für einen Augenblick, denkt sie daran, das Herz an die Wand zu schleudern, mit aller Wucht, mit voller Kraft, doch der Moment geht vorüber, also legt sie das Herz wieder auf den Tisch, langsam und vorsichtig, und dann streift sie sich die dunkelroten, blutigen Hände an ihrem Kleid ab, und nun ist das Kleid noch schmutziger als zuvor, und sie wischt über den Stoff, doch der Schmutz geht nicht weg.

Starke Bilder, lieber Disputnik, vor allem die beiden mit dem unendlich großen Bett und dem Herzen. Toll geschrieben, wirklich seeeehr beeindruckend!
Liebe Grüße vom Finbar
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Wirklich seeeehr schöne Worte von dir, lieber Finbar; vielen Dank! Herzliche Grüsse zurück…
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