Die hohen Grashalme neigen sich leicht im Wind und der Wind ist warm und die Wärme ist spürbar auf der Haut, die Sonnenstrahlen dringen durch die Poren, durch Fleisch und Blut bis tief hinein ins Innerste, und die wenigen Wolken hängen in Fetzen am Himmel, jede von ihnen wirkt wie eine wilde und freie Kreatur, die sich stetig bewegt und wandelt, da sind Hasen und Drachen, Hunde und Kobolde, friedvoll vereint, und wenn sich ein Krokodil oder ein Schimpanse vorübergehend vor die Sonne schiebt, kühlt die Haut ein wenig ab, doch es bleibt angenehm, und jedes Bild, das man sieht, ist mit zarten Pinselstrichen in die Welt gemalt, in jeder Richtung eröffnen sich Möglichkeiten, Perspektiven, neue Pfade, und man kann gehen, wohin man will, es ist immer der richtige Weg, zumindest ein richtiger Weg, denn es gibt so viele davon, und man lässt die Fingerkuppen über die Spitzen der Grashalme tanzen, atmet die Luft ein, atmet jeden Duft ein, man füllt seinen Körper mit Reichtum und Schönheit und einer unbeschreiblichen Kraft, und jeder Schritt federt leicht auf der Erde, als habe man kaum ein Gewicht, als würde man nahezu schweben, und es könnte doch immer so sein wie in diesem Moment, alles so leicht, alles so friedlich, alles so ungezwungen, alles so wohlgefällig, es könnte doch, denkt man, ach könnte es doch, hofft man, doch man weiß ja, dass es nicht immer so sein kann, man weiß ja, dass man den Gesetzen des Lebens, den Gesetzen der Welt unterworfen ist, man weiß ja, dass man die Widerstände und Widrigkeiten vorübergehend verdrängen, aber niemals verhindern kann, und vielleicht verbleibt man noch einem Augenblick lang in jener trügerischen Harmonie, in jener Geruhsamkeit, in der alles so leicht ist, alles so idyllisch, alles so versöhnlich, alles so ruhig, doch dann blinzelt man und der Augenblick stirbt, und bereits hört man das Knattern und Brummen, der Traktor kommt, der große schwarze Traktor, und er mäht die Wiese, metzelt die hohen Grashalme nieder, bis keine mehr stehen, und am Himmel drängt sich ein mächtiges graues Monster vor die Sonne, und dann wird es schlagartig kalt und dunkel, dann wird der Wind heftiger und beißender, und dann brechen die ersten Feuer aus, und dann hallt das Stampfen schwerer Stiefel durch einen Kasernenhof, und dann hört man keuchendes Husten, und dann füllen sich Augenwinkel, und dann redet ein Arzt von einem Befund, der zweifellos schlecht und vielleicht noch schlimmer ist, und dann schreien sich zwei Liebende hasserfüllte Worte in ihre Gesichter, und dann sagt jemand, er sei so traurig und müde, dass er nicht einmal mehr aufstehen könne, und dann erkennt die Mutter ihren Sohn nicht mehr, und dann treiben die Fische mit den Bäuchen nach oben im Fluss, und dann hängt ein ganzes Leben reglos in einem Keller, und dann bebt die Erde unter den Füssen, und dann möchte man nur noch schreien, so laut, dass es den Traktor und den restlichen Lärm der Welt übertönt, und man wünscht sich die hohen Grashalme zurück, man sehnt sich zurück nach diesem Moment, in dem alles so leicht war, alles so bezaubernd, alles so behaglich, alles so einfach, doch eine kalter Windstoß bläst die Illusion hinfort, und die Grashalme liegen nach wie vor reglos auf dem Boden, rundum nur das geknickte Leben, so weit das Auge reicht, und man legt sich ebenfalls hin, man legt sich nieder, bettet den Kopf neben die toten Grashalme, und so ruht man und schaut, und entweder schließt man die Augen und macht sie nie wieder auf, oder man blinzelt so lange, bis die ersten Pflänzchen wieder keimen und aus der Erde drängen.
