Es ist nicht fertig geworden. Es ist nicht fertig geworden, das Buch, denn jener, der es schrieb, ist nicht fertig geworden, bevor er starb. Obwohl, das Buch, es ist eigentlich fertig geworden, es ist gedruckt, es ist veröffentlicht, man hält es in Händen, doch der Untertitel bezeichnet es als unvollendeten Roman. Ein Fragment, vielleicht, doch es ist sehr viel mehr als das, es sind beinahe aus den Nähten platzende Bilder, es sind Episoden eines Lebens, zwar nicht real, aber unvermindert echt. Es ist eine wunderbare Geschichte und als solche vollkommen, aber eben, sie ist nicht fertig geworden, nach dem letzten Wort steht kein abschließendes Ende auf dem Papier.
Braucht jede Geschichte ein Ende?
Er ist nicht fertig geworden, der Roman, und diese Tatsache mutet zunächst unbefriedigend an. Dass es sich beim Buch um etwas Angefangenes handelt, etwas Fragmentarisches, etwas Bruchstückhaftes, lässt den Schluss zu, dass etwas fehlt, womöglich nur kleine Details, vielleicht auch große Brocken im Gefüge. Diese Leerstellen müssten doch betrüblich sein, müssten doch schmerzen, aber wenn man genau und mit wachen Augen hinschaut, sieht man das, was da ist, und nicht das, was fehlt.
Jener, der den Roman schrieb, hätte noch mehr erzählen wollen, hätte die Geschichte vertiefen und verbreitern wollen, hätte sie ausdehnen und verdichten wollen, aber der Tod kam ihm dazwischen, und nun bleibt der Roman unvollendet. Trotzdem ist das Lesen ein Gewinn, eine Erweiterung des Denkens und Fühlens, eine immense Bereicherung. Das Ende, es ist nicht da, aber es fehlt nicht.
Gute Geschichten hören nicht auf, nur weil ein Ende auf dem Papier steht.
Jede Beziehung, jede Freundschaft, jede Liebe ist zugleich eine Geschichte, doch selbst, wenn man in einer wütenden und tränendurchweichten Tirade in ein diffus beleuchtetes Wohnzimmer schreit, dass nun endgültig Schluss ist, hört nicht alles auf. Die Geschichte bleibt eine Geschichte, und selbst, wenn sie nicht weitergeschrieben wird, lässt sie sich nacherzählen, rekapitulieren, neu interpretieren und womöglich sogar anders deuten.
Ein Ende bedeutet, dass nichts mehr kommt. Im Leben gibt es nur einen Moment, nach welchem nichts mehr kommt. Und diesen Moment gibt es für uns alle ein einziges Mal. Vor diesem Moment ist somit jedes Ende lediglich eine Behauptung. Am Ende bleibt jede Geschichte unvollendet.
Was machen wir mit den angefangenen Geschichten?
Ich hätte doch noch so viel machen wollen, schrieb einst eine junge Frau, kaum erwachsen geworden. Sie schrieb es im Wissen, dass es beim Konjunktiv bleiben würde; sie hatte gerade erst angefangen mit dem Leben, mit dem Lieben, sie war eine Anfängerin, sozusagen. Das Ende jedoch, es war nah, ihr Ende war nah, aber es war nicht das Ende ihrer Geschichte.
Sie ist nicht fertig geworden, ihre Geschichte, denn sie, die diese Geschichte schrieb, ist nicht fertig geworden, bevor sie starb. Man könnte die Geschichte im Untertitel als unvollendetes Leben bezeichnen, doch es war und ist sehr viel mehr als das, es sind beinahe aus den Nähten platzende Bilder, es sind Episoden eines Lebens, durch und durch real, unvermindert echt. Es ist eine wunderbare Geschichte und als solche vollkommen, aber eben, sie ist nicht fertig geworden, nach dem letzten Wort steht kein abschließendes Ende. Nicht auf dem Papier. Nicht im Kopf. Nicht im Herzen.
Kein Ende.

Nichts ist jemals vollendet und Menschengeschichten schon gar nicht. Niemals. Und alles sind Tragödien, jede einzelne. Jede endet mit dem Absprung der jeweiligen Hauptakteure, dem Abtritt von der großen Drehbühne des Lebens. Kabuki-Bühnen-Kreisläufe. Nur der Frankfurter Kranz meiner Großmutter- der war vollendet und ist leider Geschichte.
Viele liebe Grüße zu Dir von Amélie
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Vielen herzlichen Dank dir, liebe Amélie, fürs Lesen und für deine Worte! Aber sind wirklich alle Geschichten Tragödien, nur weil sie nicht ewig andauern können? So oder so – geniessen wir die Zeit auf der Bühne…
Herzliche Grüsse zurück…
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Wenn ich das Leben rein dramaturgisch betrachte, ja, dann ist es immer am Ende eine Tragödie. Für die Verstorbenen oder ihre Angehörigen. Dazwischen gibt es natürlich hoffentlich auch etwas zu genießen, so dass der zwangsläufige Absprung versöhnt sein könnte, müde und erlöst. Ewiges Leben wäre für unser Gehirn eine Katastrophe, es sei denn, es könnte sich Speicherplatz dazu evolutionieren und ein paar mehr Bereiche nutzen.
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Ein versöhntes und versöhnliches Ende klingt aber dennoch durchaus erstrebenswert. Zumindest für jene Person, die geht. Wenn alles gesagt und getan ist, fällt das Schweigen und Ruhen leichter. Vielleicht. (Und das ewige Leben wäre wohl nicht nur für das Gehirn eine Katastrophe.)
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Da bin ich ganz bei Dir, lieber Disputnik.
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